Keine Kontrolle

Der kriminelle Bottroper Apotheker
Von Michael Gerber
|    Ausgabe vom 26. Januar 2018
Wöchentliche Demonstration vor der Bottroper Apotheke (Foto: Privat)
Wöchentliche Demonstration vor der Bottroper Apotheke (Foto: Privat)

Jährlich erkranken 500 000 Menschen in Deutschland an Krebs. Die Behandlungen mit Krebsmedikamenten haben sich für die Pharma-Konzerne und die Apotheker zu einem Milliarden-Geschäft entwickelt. Die Zubereitung der Chemotherapien erfolgt bundesweit in 200 Apotheken, die dafür eine besondere Zulassung benötigen. Für jeden Patienten werden ärztlich verordnete Medikamentenmischungen (Zytostatika) in Reinraumlabors der Apotheken hergestellt. Die Alte Apotheke in Bottrop ist in Deutschland eine der ganz großen mit 90 Beschäftigten und einem Jahresumsatz von 40 Mio. Euro. Normale Apotheken haben einen Jahresumsatz von 1 bis 2 Mio. Euro. Die Alte Apotheke wird seit Generationen von der Familie Stadtmann geführt. Sie gehört zu den reichsten Familien der Stadt. Seit 2009 hat der Sohn Peter Stadtmann (47 Jahre) die Leitung der Apotheke übernommen.
Peter Stadtmann hat großen Einfluss in der Stadt. Er inszeniert sich als großer Wohltäter. Hunderte Bottroper beteiligen sich jährlich an einem Spendenlauf um die Alte Apotheke in der Bottroper Innenstadt. Die 80000-Euro-Spende von Peter Stadtmann geht an das Hospiz in der Stadt. Dort war der Apotheker bis 2017 im Vorstand. Wenn etwas für die Stadt finanziert werden soll springt Peter Stadtmann ein. Ein von ihm bei Udo Lindenberg in Auftrag gegebenes Gemälde hing jahrelang im Amtszimmer vom Oberbürgermeister. Die Stadt zeigt ihr Entgegenkommen bei der Errichtung eines medizinischen Zentrums durch Peter Stadtmann gegenüber der Alten Apotheke. So laufen Geschäfte zum gegenseitigen Vorteil.
Bereits 2014 hatte es eine erste Anzeige gegen die Alte Apotheke gegeben. Danach sollen bereits seit 2001 Chemotherapien gepanscht worden sein. Die Staatsanwaltschaft hatte jedoch die Ermittlungen nicht konsequent geführt und das Verfahren wieder eingestellt. Zwei Angestellte der Apotheke, die mit der Herstellung von Krebs-Infusionen im Reinraumlabor beschäftigt waren, kündigten daraufhin. Der kaufmännische Leiter der Alten Apotheke, Martin Porwoll, hatte den Verdacht, dass die Summe der eingekauften Krebsmedikamente abweicht von den Mengen, die mit den Krankenkassen abgerechnet werden. Teilweise wurden nur 20 Prozent der abgerechneten Krebsmittel tatsächlich von der Pharma-Industrie bezogen. Im September 2016 erstattet Martin Porwoll Anzeige bei der Staatsanwaltschaft. Eine Beschäftigte der Alten Apotheke, Marie Klein, bringt im Oktober 2016 einen Infusionsbeutel zur Staatsanwaltschaft. Die chemische Untersuchung ergab, dass der Infusionsbeutel nur Kochsalzlösung enthalten hatte. Am 1. Dezember 2017 haben Marie Klein und Martin Prowoll für ihr mutiges Handeln den deutschen Whistlebower-Preis erhalten.
Im November 2016 erfolgte eine Hausdurchsuchung der Staatsanwaltschaft in der Alten Apotheke und dem Reinraumlabor zur Herstellung der Zytostatika. Der Apotheker Peter Stadtmann wurde verhaftet und sitzt seitdem in Untersuchungshaft. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft haben ergeben, dass zwischen 2012 und 2016 4 661 Krebspatienten Infusionen aus der Alten Apotheke erhalten haben. 61800 Infusionen gingen an 38 onkologische Praxen und Krankenhäuser in sechs Bundesländern. Der wirtschaftliche Schaden für die Krankenkassen beträgt 56 Mio. Euro.
2012 wurden landesweit die Apotheken zur Herstellung von Krebsinfusionen unangemeldet kontrolliert. Das Bottroper Gesundheitsamt hat die Alte Apotheke „aus datenschutzrechtlichen Bedenken“ nicht zur Kontrolle angemeldet. Es besteht der Verdacht, dass die guten Verbindungen von Peter Stadtmann dafür gesorgt haben. In den letzten fünf Jahren gab es in der Alten Apotheke nur eine angemeldete Kontrolle der Amtsapothekerin der Stadt. Auch sonst hat die Stadt nicht alles unternommen, um den betroffenen Krebspatienten und ihren Angehörigen zur Seite zu stehen. Seit dem 10. Februar 2016 war die Stadt Bottrop im Besitz der kompletten Liste von gepanschten Medikamenten. Erst im Juli wurde diese Liste mit über 50 gestreckten Medikamenten von der Stadt veröffentlicht und damit das ganze Ausmaß des Apotheker-Skandals bekannt. Bis dahin waren der Öffentlichkeit nur fünf gepanschte Medikamente bekannt. „Über diese späte Information waren wir Betroffenen sehr sauer“, empörte sich Christiane Piontek gegenüber der DKP. Sie ist eine von 47 zugelassenen Nebenklägern beim Landgericht Essen. „Wir hatten uns mehr Unterstützung durch die Politik und die Stadt gewünscht“, äußert sich Frau Piontek. Auch eine mangelnde Information durch die behandelnden Ärzte ist für die Betroffenen ein großes Problem.
Seit November wird vor dem Essener Landgericht gegen den Bottroper Apotheker verhandelt. Für die Opfer ist es schwer auszuhalten, dass gegen Peter Stadtmann nicht wegen vorsätzlicher Körperverletzung mit Todesfolge, sondern nur wegen Abrechnungsbetrug verhandelt wird. Hätte die Staatsanwaltschaft sofort bei Krebspatienten, die von der Alten Apotheke beliefert wurden, Blutuntersuchungen veranlasst, könnte Peter Stadtmann auch wegen Körperverletzung mit Todesfolge angeklagt werden. Gegenüber Mitarbeitern der Apotheke soll sich Peter Stadtmann über die Krebspatienten mit den abfälligen Worten geäußert haben: „Die sterben sowieso!“
Die Reaktionen der Pharma-Konzerne, NRW Landesregierung und der Apothekerverbände machen deutlich, dass an dem bisherigen lukrativen System der Herstellung von Krebsinfusionen nichts geändert werden soll. Verbindliche unangekündigte engmaschige Kontrollen der Labore gibt es weiterhin nicht. Ebenso fehlen weiterhin regelmäßige Kontrollen von rückläufigen Infusionsbeuteln auf den Inhalt der Krebsmedikamente. Angeblich ist dies der Pharma-Industrie, den Apothekerverbänden und der Landesregierung zu teuer. Die Forderung für die Zukunft ist, dass die Labore in den Kliniken verantwortlich für die Herstellung der Krebsinfusionen werden, da dort eine bessere Kontrolle gewährleistet ist. Die DKP unterstützt die Betroffenen in ihrem Protest und fordert im Sozial- und Gesundheitsausschuss der Stadt notwendige Korrekturen bei der Apothekenaufsicht. Die DKP hat die Betroffenen darin unterstützt, dass jetzt eine psychoonkologische Beratungsstelle in Bottrop geschaffen wurde. DKP-Ratsfrau Irmgard Bobrzik: „Jede Pommesbude wird strenger überwacht als die Apotheken.“


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Leserbrief zu »Keine Kontrolle«, UZ vom 26. Januar 2018





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